Gepardenmännchen: Häuslebauer und Mietnomaden
Geparde | Foto: Leibniz-IZW / Gepardenprojekt
IZW – 27.06.2018:

Gepardenmännchen: Häuslebauer und Mietnomaden

Berliner ForscherInnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) haben das Raumnutzungsverhalten von Geparden aufgeklärt. Die Ergebnisse zeigen, dass Geparden-Männchen zwei Raumnutzungstaktiken verfolgen, die in verschiedenen Lebensabschnitten angewendet werden. Ihre Langzeitstudie mit Bewegungsdaten von über 160 frei lebenden Geparden in Namibia wurde jetzt in der Fachzeitschrift ECOSPHERE veröffentlicht.

Der Gepard ist die seltenste größere Katzenart in Afrika. ForscherInnen des Leibniz-IZW fanden jetzt heraus, dass es bei Geparden-Männchen zwei Raumnutzungstaktiken gibt: die einen ziehen rastlos umher und legen dabei enorme Strecken zurück, andere leben vergleichsweise engräumig und besetzen kleine Territorien. Die Flächenansprüche der Weibchen liegen zwischen den Größen dieser beiden Streifgebietsformen der Männchen. Zum Überleben brauchen Geparden also meist riesige Flächen mit annähernd natürlichen Bedingungen. Die neuen Erkenntnisse über das Raumnutzungsverhalten ermöglichen die Entwicklung verbesserter Schutzmaßnahmen dieser hochspezialisierten Katzenart.

Säugetiere haben im Laufe der Evolution eine Vielzahl an Sozialsystemen entwickelt. Das reicht vom Einzelgängertum bis hin zu hochkomplexen sozialen Systemen, in denen Gruppen aus vielen Weibchen und Männchen bestehen. Geparde passen in keines der bisher beschriebenen Sozialsysteme. Wie sie organisiert sind, wurde bisher kontrovers diskutiert. Einer Forschungsgruppe des Leibniz-IZW gelang es nun, das Rätsel zu lösen.

Geparden-Männchen leben einzeln oder in kleinen Gruppen von zwei oder drei Männchen (Koalitionen). Weibchen hingegen sind einzelgängerisch - außer wenn sie Jungtiere bei sich haben. Im südlichen Afrika leben Geparde meist außerhalb von Schutzgebieten, wo sie häufig mit den Rinder-Farmern in Konflikt geraten. „Durch die Konflikte mit Farmern sind Geparde scheu geworden. Es ist daher kaum möglich, sie direkt zu beobachten. Für unsere Studie haben wir die Geparde deshalb mit GPS-Halsbändern ausgestattet“, erklärt Bettina Wachter, Projektleiterin am Leibniz-IZW.

Die ForscherInnen versahen 164 Geparden-Männchen und Weibchen mit GPS-Halsbändern. Das Ergebnis: sowohl Einzeltiere wie Kleingruppen ausgewachsener Männchen nutzen große Streifgebiete von bis zu 1.600 km2 (im Vergleich: die doppelte Fläche Hamburgs) oder verteidigen „kleine“ Territorien von etwa 380 km2 (etwas größer als die Fläche des Stadtgebietes von München). Weibchen hingegen nutzen mittelgroße Streifgebiete von etwa 650 km2. „Territoriale Einzelmännchen oder Koalitionen markieren ihre Reviere durch Duftmarken an prominenten Landmarken, wie großen Bäumen oder Termitenhügeln. Revierlose Einzelmännchen oder Koalitionen hingegen streifen umher und besuchen diese Markierungsstellen, schnüffeln daran und holen sich so Informationen zum Besitzstand des Territoriums“, sagt Jörg Melzheimer, Erstautor der Studie und Ökologe am Leibniz-IZW.

Die revierlosen, herumstreifenden Einzelmännchen oder Koalitionen versuchen über kurz oder lang ein Territorium zu übernehmen, was ihnen gelingen kann, wenn ihre Gruppengröße die des oder der Territoriums-Besitzer übersteigt. Solche Übernahmeangriffe enden oft mit dem Tod der einen oder anderen Seite. Können die herumstreifenden Einzelmännchen oder Koalitionen ein Territorium übernehmen, erhöht sich innerhalb von wenigen Monaten ihr Körpergewicht. „Die hohe Risikobereitschaft der Männchen, eines der kleinen Territorien zu übernehmen, deutet darauf hin, dass es sich um eine wichtige Ressource handelt. Wir vermuten, dass es um eine erhöhte Begegnungswahrscheinlichkeit mit den Weibchen geht, da diese regelmäßig die Markierungsbäume verschiedener Territorien besuchen“ erklärt Wachter. Unter den Geparden sind also junge Einzelmännchen oder Koalitionen Mietnomaden, die eine Gelegenheit suchen, um ein Territorium zu übernehmen, während ältere Einzelmännchen oder Koalitionen Territorienbesitzer sind. Wie im richtigen Leben gilt auch hier: nicht alle Mietnomaden haben die Chance, ein Territorium zu bekommen. Wenn das aber gelungen ist, dann handelt es sich meist um Männchen fortgeschrittenen Alters.

„Das Verstehen des Sozialsystems der Geparde ist nicht nur von akademischen Interesse. Wenn wir wissen, welche Ansprüche und Bedürfnisse Männchen und Weibchen an ihren Lebensraum haben, wie und wo sie sich begegnen und wo sie besonders häufig vorkommen, können diese Daten wichtige Informationen liefern, die wir zur Minimierung des Farmer-Geparden-Konfliktes einsetzen können“, erklärt Melzheimer.

Publikation:

Melzheimer J, Streif S, Wasiolka B, Fischer M, Thalwitzer S, Heinrich S, Weigold K, Hofer H, Wachter B (2018): Queuing, take-overs, and becoming a fat cat: Long-term data reveal two distinct male spatial tactics at different life-history stages in Namibian cheetahs. ECOSPHERE.

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ecs2.2308/full

Kontakt:

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
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Jörg Melzheimer
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melzheimer@izw-berlin.de

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